Wir vermissen Manu seit:




Leben ohne Manuel

Manu ist nicht mehr hier !

Ich werde nie mehr hören: Hallo Mum, bin wieder da oder Tschüß Mum, bis nachher; was kochst du heute; kannst du schnell mein T-Shirt bügeln, ich bin in Eile. Ich werde nie mehr sein Lachen hören. Er wird nicht mehr Sonntagmorgen in mein Arbeitszimmer kommen, sein Frühstück essen, von seinem Abend erzählen, von einem Mädchen schwärmen. Er wird nie mehr morgens die Treppe ‚runterkommen und singen „Warum bin ich so fröhlich“. Ich werde nie mehr sein Parfum riechen, das ich so sehr gemocht habe.

Meine Gegenwart war komplett zerstört. Da war nichts Schönes mehr. Das war alles mit Manu gegangen.

Noch schlimmer war, wenn das überhaupt möglich ist, dass auch meine Zukunft nicht mehr existierte. Ich hatte immer einen Platz in Manus Leben, in seiner Planung wurde ich nie vergessen.

Einmal sagte er, “Wenn ich eine Familie gründe, dann baust du uns ein Haus. Du hütest dann meine Kinder und meine Frau und ich gehen arbeiten.“ Es war ihm gar nicht in den Sinn gekommen, dass seine zukünftige Frau das vielleicht anders sehen würde. Als er plante, nach Ibiza zu gehen, war es keine Frage für ihn, das ich mitgehen würde. Das wäre in meinem Fall auch einfach gewesen, da ich überall arbeiten kann, wo es Internet gibt.

Ich dachte, ich würde einen schönen Lebensabend verbringen können. Ich sah im Geiste schon Manus Babies aufwachsen.

Bei all diesen Gedanken versuchte ich zu vermeiden, darüber nachzugrübeln, was Manu jetzt alles verpasst. Er hat sein Leben so geliebt. Er hatte so viele Pläne.

Mein Leben zerbröselte geradezu. Ich sah keinen Grund mehr weiterzuleben. Ich beschloss, zu Manu zu gehen. Das schien auch der einfachste Weg zu sein, ihn wiederzufinden. Nur noch meine Arbeit beenden, einige Sachen ordnen und das war’s. Ich arbeitete wie verrückt, um so schnell wie möglich fertig zu werden.

Dann, eines Tages, kam meine Tochter und erzählte mir, dass sie ein Baby erwartet. Ich weiß nicht mehr, ob ich mich gleich freute oder erst später. Auf jeden Fall warf das meine Pläne erst mal über den Haufen.





Am 16.04.07, am gleichen Tag wie Uli, wurde Larissa Celine geboren.
Mein Leben hatte wieder einen Sinn!










Schwester Uli mit Larissa und Fynn

Gedanken von Schwester Uli

Das Leben ohne meinen Bruder begann sehr schwer.

Ich betrachte es als neues Leben, denn es hat sich alles verändert. Mein Umfeld wurde ein anderes und mein Charakter wandelte sich. Monatelang weinte ich um meinen Bruder und um mich, weil ich ihn verloren hatte. Mein Leben schien an Glanz und Sinn verloren zu haben. Ich besuchte die Berufsschule, die ich nun regelmäßig ausfallen ließ. Ich konnte mich nicht aufraffen. Am liebsten wäre ich im Bett geblieben und nie wieder aufgestanden.

Mir war es egal, ob ich riskant Auto fuhr, oder ob ich bei rot über die Ampel lief. Wenn ich mich mit meinem Vater verabredete, fragte ich immer noch, ob wir nicht auch Manuel mitnehmen sollten. Dann dieses Schweigen… Diese grausamen Augenblicke, wenn das Wissen zurückkehrt, dass Manuel nicht mehr mitkommt. Nie wieder! Es war Sommer, doch für mich war alles grau.

Dann wurde ich schwanger. Ich wollte eine eigene Familie haben, ein Umfeld, in dem ich mich wohl fühlen könnte. Der Gedanke an meine Tochter und mein bevorstehendes Leben mit meiner Familie verlieh meinem Leben wieder einen Sinn.

Es gibt immer wieder Einbrüche. Zeiten, in denen meine Gedanken durch und durch negativ sind und immer noch beginne ich bei Gedanken an meinen Bruder zu weinen. Aber ich lernte, damit umzugehen. Ich habe für mich einen Weg entwickelt, damit zu leben.
Es wird immer diesen dunklen Schatten in meinem Herzen geben, der sich vermutlich nie wieder mit Licht füllt. Doch ich werde leben, für meine Kinder und für mich.
   

Auf der Suche nach Manu

Als ich ca. 20 Jahre alt war, hatte ich meine ersten Erfahrungen auf spirituellem Gebiet. Ich absolvierte ein Praktikum in einer Feinmechanikerwerkstatt. Mein damaliger Chef, 50 Jahre älter als ich, brachte mich auf diesen Weg. Wir verstanden uns, trotz der großen Unterschiede in jeglicher Hinsicht, unglaublich gut. Wir hatten viele Gespräche über Gott und die Welt, und er versorgte mich mit Literatur. Unter anderem gab er mir auch Bücher über das Leben nach dem Tod.

Er mobilisierte meine geistige Entwicklung. Ihm verdanke ich, dass aus einer dummen Gans ein denkender Mensch wurde. Und dafür bin ich auch heute noch sehr dankbar.

Nach Manus Unfall erinnerte ich mich daran, dass es Menschen gibt, die mit Verstorbenen in Kontakt treten können (Medien). Bei der Suche nach einem Medium half Claudia mir. Wir fanden auch ziemlich schnell eines in Bonn. Wir buchten ein Seminar und eine Einzelsitzung.

Um es hier kurz zu machen: Die Ergebnisse waren gleich Null. Ich fühlte mich völlig fehl am Platze, und es kam von Manu gar nichts rüber. Trotzdem war das Seminar kein kompletter Fehlschlag oder Zeitverschwendung!

Ich lernte bei diesem Seminar Annelie kennen. Obwohl Annelie genau wie ich in Dürscheven, ein 550 Seelendorf wohnte, und mit ihrem Hund die gleichen Wege ging wie ich, begegneten wir uns dort nie. Annelie brachte mich ein ganzes Stück weiter. Sie wusste von anderen Medien und deren Erfolgen. So erfuhr ich von Paul, einem englischen Medium in Hannover.

Im Februar 2007 war es dann soweit. Annelie und ich machten uns auf den Weg nach Hannover zu einem Wochenendseminar. Ich war innerlich total kribbelig. Ich hatte eigentlich gar kein Interesse an dem Seminar, da ich wusste, ich bin nicht sehr empathisch. Ich hoffte, noch kurzfristig eine Einzelsitzung bei Paul zu bekommen. Das Seminar lief auch größtenteils so ab, wie ich gedacht hatte: Ich war nicht in der Lage, mich zu entspannen, und auch sonst merkte ich nicht viel.

Eines ist jedoch erwähnenswert:

Wir, die Seminarteilnehmer, lernten uns nach und nach ein bisschen kennen. Da war ein junger Mann, gutaussehend, nicht dumm und er konnte sich artikulieren. Er ging mir zunehmend auf die Nerven. Er war der sprichwörtliche „Jammerlappen“. Er entschuldigte sich dauernd für nichts und war kaum zu ertragen. Am liebsten hätte ich ihm ein paar Ohrfeigen verabreicht. Bei einer Übung, die wir machen sollten, stellte ich mich in eine Ecke mit dem Rücken zum Raum. Nacheinander stellten sich vier Personen so hinter mich, dass ich sie nicht sehen konnte. Ich sollte meine Gefühle zu diesen Menschen erkennen. Bei dreien beschrieb ich meine Gefühle als „normal“. Ich hatte keine besonderen Emotionen. Als der vierte Teilnehmer hinter mir stand, wusste ich sofort, dass ist der junge Mann. Ich hatte das Gefühl, eine riesige dunkle Wolke steht hinter mir und versucht, mich zu erdrücken. Das fühlte sich an, wie die personifizierte Depression.

 

Und dann gab es da noch eine bemerkenswerte Begegnung:

Eine Frau, deren Leben offenbar ziemlich problembehaftet war, Depressionen, Panikattacken und einiges mehr, hatte eine unglaubliche Gabe: sie nahm einen Gegenstand eines ihr unbekannten Menschen in die Hand und las das gesamte Leben des Besitzers heraus.

Paul hatte verschiedene Gegenstände auf einem Tablett. Sie nahm eine Brille in die Hand und fing an zu sprechen. Erst zögerlich dann immer schneller und sicherer. Es war, als würde sie selbst in dieses Leben eintreten. Und Paul bestätigte alles, was sie sagte. Das war wirklich faszinierend. Es passierten noch einige merkwürdige Dinge außerhalb des Seminars, die aber hier nicht wichtig sind.

Am Sonntag Abend bekam ich dann eine Einzelsitzung bei Paul:

Ich ging in das Zimmer, setzte mich auf einen Stuhl und wartete auf Paul. Er kam durch die Tür, schloss sie hinter sich und kam auf mich zu. In diesem Moment ,ca. ein bis zwei Sekunden, hatte ich den Eindruck, Manu kommt auf mich zu. Obwohl Manu und Paul sich in keiner Weise ähneln, (weder Alter noch Größe noch Aussehen sind ähnlich) war dieser Eindruck ganz stark. Es lag daran, dass Paul sich plötzlich wie Manu bewegte.

Paul setzte sich gegenüber auf einen Stuhl und fing sofort an zu sprechen. Ich muss noch sagen, dass Paul nichts über Manu wusste, auch nicht über den Unfall. Er kannte nur meinen Vornamen. Er beschrieb Manus Äußeres ganz genau, so als hätte er ein Bild vor sich. Auch Manus Wesen und seine Charaktereigenschaften traf er genau. Er sagte z.B.: “Sometimes he was a showoff!“ Und das trifft den Nagel auf den Kopf.

Er sprach von Manus Frohsinn, seiner Herzlichkeit, seiner Freude am Leben. Danach beschrieb er den Unfall. Er sagte, Manu war bei mir, als der Polizist mir die Nachricht brachte. Er war da, als ich versuchte, seine Schwester anzurufen, die nicht ans Telefon ging.

Manu wusste von dem Brief, den Claudia bei der Beerdigung in sein Grab legte. Er wusste, wie seine Freunde und mir geholfen haben, und er drückte seinen Dank dafür aus. Paul konnte auch Manus Jacke, die ich behalten hatte, genau beschreiben, und wusste, dass sie ganz links in meinem Schrank hängt.

Dann war da noch das Ding mit der Kerze: Paul sagte, jemand aus der Familie habe in der Kirche eine Kerze für Manu angezündet. Ich dachte, er müsse sich irren, denn niemand aus unserer Familie geht in eine Kirche. Einige Tage später, zu Hause, erfuhr ich von Uli, dass sie im Kölner Dom war und dort eine Kerze für Manu angezündet hat !

Dann gab es noch einige persönliche Dinge, mit denen ich mich gerade herumschlug: Soll ich oder soll ich nicht? Paul nannte diese Dinge beim Namen und sagte z.B.: “He agrees!“ Oder er sagte, ich solle abwarten, das würde sich von selbst regeln.

Am Schluss kamen noch mein Vater und meine Tante. Auch die konnte Paul exakt beschreiben.

Ich war so überwältigt von diesem Erlebnis. Ich fühlte mich ausgelaugt und völlig leer im Kopf. Ich war froh, dass Annelie das Fahren übernahm.

Der Spruch, den wir für eine der Gedenkanzeigen ausgesucht hatten, „Du bist nicht mehr da, wo Du warst, aber du bist überall wo wir sind“ war Realität geworden !

Das machte mich einerseits sehr glücklich. Andererseits ist die Tatsache, dass Manu nie mehr da sein wird, wo er war, dass ich ihn nie mehr so wahrnehmen kann, wie er war so unglaublich schmerzhaft, dass ich manchmal denke, ich kann das nicht aushalten.